Mittwoch, 17. Juni 2015

Fundbrief









   Hanes (?), 1. 2. 82 1  Verbessert: Halle S.

Lieber Werner, lieber Jochen!  Verbessert: liebes Evchen!

Habe Euren lieben Brief vom 22. 1. 82 vor
mir liegen, für den wir Euch vielmals herzlich 
danken. Den Anfang habe ich schon, wie er weiter
gehen soll, weiß ich noch nicht.
Ich habe Euch von von Lydias schreiben alles gesandt,
in dem sie wissen wollte wegen schlafen, Unruhe
etc. und auch eine Abschrift meines Briefes.
Es ist nicht so leicht, einen lieben Menschen
zu verlieren, mit dem man alle Freuden
und Leiden geteilt hat.
Bei uns der Mutti und mir ist es noch
schlimmer, denn wir marschieren in diesem
Jahre schon 62 Jahre zusammen. Wir wollen
nicht klagen, aber zwei Kriege, Inflation,
zweimal Geld verloren, die Sorge um unseren
großen Jungen usw. usw., an dieser Stelle
möchten wir Euch sagen, herzlich bitten und
Euch ans Herz legen, Ihr seid nun schon


Seite 2

reifere Leute, das Fundament des Zusammenlebens
ist Vertrauen, Vertrauen und nochmal gegenseitiges
Vertrauen, dann segnet Euch das Schicksal auch.
Denkt immer daran.
Primär ist die Gesundheit, sekundär das Geld,
fehlt nur eins von beiden, dann ist das Leben schwer
auf dieser Welt. Diese nackte Wahrheit und der 
Reim stammt von mir.
Es würde zu weit führen, wenn ich Euch sagen
würde, warum Onkel Fritz nach Norddeutschland
ging - vielleicht mal später. Seine Frau Tante
Lydia will nun auch in ein Hochhaus über-
siedeln, wozu wir auch geraten haben, ihre
Mentalität zu beleuchten ist im gegenwär-
tigen Stadium nicht angebracht, das ver-
bietet einem die Erziehung bzw. der
gute Ton. Wir alle haben ein Schicksal,
gute und weniger gute Seiten.
„Die Ehe Liebe welch lieblicher
Wunsch, doch in der Ehe, da steckt die
 Kunst“ Theodor Storm




Diesen Brief habe ich vor ein paar Wochen gefunden, als ich Gartenabfälle zu einem Recycling-Hof gefahren habe. Er stammt, wie oben zu sehen ist, vom 1.2.1982, er ist also 34 Jahre alt. Tochter L, war da gerade mal drei Monate alt.

Die Handschrift ist sehr ausgeprägt, die Schrift groß und verschnörkelt. Es sind Reste von Sütterlin darin. Viele Buchstaben sind regelrecht verziert. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich alles einigermaßen sicher entziffert hatte. Jetzt kommt mir alles plausibel und schlüssig vor.

Den Ort konnte ich allerdings noch nicht erkennen. Da muss ich wirklich einzelne Buchstaben genauer analysieren.

Meine Interpretation

Der Brief richtet sich an Werner und Jochen. Ich nehme an, das sind die Söhne des Schreibers. Es wird wohl kaum ein schwules Pärchen sein. Dagegen spricht auch weiter unten das Zitat zur Ehe.

Der Brief ist eine Antwort auf ein Schreiben vom 22.1. gleichen Jahres, für das „wir uns bedanken“. Der Schreiber spricht also auch im Namen seiner Gattin.

Dann schreibt er, den Anfang hätte er schon, wisse aber noch nicht, wie es weiter gehe.

Gefunden habe ich nur diese ein Blatt. Vielleicht ging der Brief weiter. Die Rückseite endet abschließend mit einem Zitat. Das könnte zwar das Ende sein, von der ganzen Schreibweise her ist es das aber nicht. Wer einen solchen Brief schreibt, der schließt ihn mit seinen Grüßen und seinem Namen. Der Rest ist also verschüttet, unwiderruflich.

Wieso der Brief beim Altpapier landete, darüber lässt sich spekulieren. Der Schreiber muss tot sein, denn er erwähnt, dass er mit Mutti schon 62 Jahre „marschiert“ ist. Nehmen wir mal an, sie „marschierten“ seit dem 20. Lebensjahr, dann schrieb er den mit 82 Jahren, war also Jahrgang 1900 + - 5 Jahre. Dann wäre er heute 115 +- 5 Jahre. Vielleicht sind aber Werner und Jochen auch schon gestorben, und die Enkel entsorgen die alten Sachen. Das scheint mir am wahrscheinlichsten.

Wieso aber kriegen die einen gemeinsamen Brief? Leben die zusammen? Oder reichen sie sich die Briefe weiter. Hatten ja offenbar auch einen gemeinsamen Brief an die Eltern geschrieben. Ich stelle jetzt einfach die erdachten Familienverhältnisse als Tatsachen hin.

Der Vater fängt also an, einen Antwortbrief zu schreiben, weiß noch nicht genau, auf was er hinauslaufen soll und teilt das gleich am Anfang mit.

Es gibt eine Tante Lydia. Die hat Probleme mit „schlafen“ (komischerweise klein geschrieben), „Unruhe usw.“ Das hat sie wohl brieflich mitgeteilt und dieses Schreiben hat der Vater „alles“ auch an seine Kinder gesandt, ebenso eine Abschrift (keine Kopie?) seines eigenen Schreibens an Lydia. Das muss dann seine Schwester oder Schwägerin sein.

Lydia hat offenbar einen geliebten Menschen verloren, was natürlich nicht leicht ist, da man mit ihm ja Freuden und Leid geteilt hat. Mehr ist über Lydia erst einmal nicht zu erfahren, aber ihre Schlafstörung und Unruhe kommt wohl daher. Man denkt, dass ihr Mann wohl gestorben ist.

Dann schwenkt der Vater aber zu sich selbst um und meint, bei ihm und Mutti wäre das noch schlimmer, weil sie ja bereits 62 Jahre zusammen „marschiert“ sind. Offenbar war die Lydia mit dem Ihren nicht so lange zusammen.

Immerhin marschieren die beiden noch zusammen. Es sieht nicht so aus, als nahe Tod oder Trennung. Aber nach 62 Jahren Zusammenleben denkt man sicher immer wieder einmal daran, dass dieses Ereignis kommen wird - und zwar in gar nicht allzu weiter Zukunft.

Klagen will der Papa nicht, aber er erinnert daran, dass er zwei Kriege mitgemacht hat. Auch das spricht ungefähr für das Geburtsjahr 1900, denn er muss den 1. Weltkrieg schon bewusst mitgemacht haben. Wäre an seinem Ende 18 Jahre alt gewesen.

Inflation und Geld verloren. Davon hatten auch meine Eltern erzählt, aber als Kind hatte ich nicht viel davon verstanden. Dann war da noch die Sorge um den "großen Jungen".

Was mag da dahinterstecken? Vielleicht ist er im 2. Weltkrieg gefallen oder blieb vermisst. Das könnte passen. Oder aber er hatte eine Krankheit, war behindert oder ein Psychopath. Alles ist möglich, ich weiß es nicht, Werner und Jochen aber werden gewusst haben, wovon der Vater schrieb.

Dann kommt übergangslos eine moralische Ermahnung, nicht einmal ein neuer Satz beginnt. Die Jungs bekommen an dieser Stelle "gesagt", werden "herzlich gebeten", bekommen "ans Herz gelegt" - da sie ja schon „reifere Leute“ seien - dass das "Fundament des Zusammenlebens Vertrauen, Vertrauen und nochmal gegenseitiges Vertrauen" sei. Dann segne sie auch das Schicksal. Daran sollen sie immer denken.

Nun kommt mir der vage Verdacht, dass es sich doch um ein Ehepaar handeln könnte, das klingt ja sehr danach. „Lieber Werner, liebes Frauchen“? Frauchen bestimmt nicht, aber irgendwas mit „chen“. Denn wenn das zweite „lieber“ ein „s“ am Schluss hat, dann würde ein „chen“ passen. „liebe“ heißt es auf jeden Fall nicht, es hängt ein „r“ oder „s“ dran. Werde mir die eigentümlichen Buchstaben wirklich noch mal genauer betrachten müssen.

Gut, gehe jetzt eher davon aus, dass der Brief an Sohn und Schwiegertochter geht oder Schwiegersohn und Tochter. Der Mann wird jedenfalls zuerst genannt, wie das früher nun mal üblich war.

Weiter geht es mit moralischem Rüstzeug, denn 
„Primär ist die Gesundheit, sekundär das Geld,
fehlt eines von beiden, dann ist das Leben schwer auf dieser Welt.“

Das ist für Paps die nackte Wahrheit, und er ist stolz darauf, dass der Reim von ihm stammt.

Nun geht es weiter mit Familiengeheimnissen.

Papa will nicht verraten, warum Onkel Fritz nach Norddeutschland ging - später vielleicht mal. Nun erfahren wir, dass seine Frau, die Tante Lydia in ein Hochhaus übersiedeln will, dazu haben er und Mama auch geraten. Es handelt sich eher um die Schwägerin, denn sonst hätte er sicher geschrieben dass seine Schwester Lydia ins Hochhaus ziehen will.

Onkel Fritz ist eher sein oder der Mutter Bruder. Der ist also gar nicht gestorben, sondern weggezogen. Lydia ist nicht wegen seinem Tod unruhig, sondern weil er sie hat sitzen lassen.

Offenbar hat sie nicht in einem Hochhaus gewohnt. Vielleicht in einem Einfamilienhäuschen, das ihr jetzt alleine zu groß geworden ist oder gar auf einem Bauernhof. Das Leben im Hochhaus scheint ihr den Alltag zu erleichtern.

Zumal ihre "Mentalität" nicht "beleuchtet" werden soll. Es scheint da noch mehr zu geben als Unruhe und Schlafstörungen. Vielleicht ist sie psychisch sehr krank, vielleicht ist das auch der Grund für die Flucht von Onkel Fritz. Aber es scheint sich auf der anderen Seite nicht um einen Dauerzustand zu handeln, sondern um ein "Stadium". Und darüber zu schweigen gebieten Erziehung und guter Ton.

Was macht also die Tante Lydia? Genießt sie vielleicht sogar ihre neue Freiheit und reißt jetzt einen Mann nach dem anderen auf - worüber man nicht reden darf. Denn das würde sich gar nicht gehören, wie das Abschlusszitat zeigt.

Doch auch Verständnis klingt an - "Schicksal", dem muss man sich ergeben. Und wir alle haben "gute und weniger gute Seiten". Also etwas Nachsicht, bitte, mit Tante Lydia.

Dann das Zitat von Theodor Storm:
„Die Ehe Liebe welch lieblicher Wunsch,
doch in der Ehe, da steckt die Kunst“.

Die Ehe wird also hochgehalten, „Liebe“ ist nur ein „lieblicher Wunsch“. Komischerweise hat der Papa sich hier verschrieben, gleich Ehe geschrieben und durchgestrichen. Wenn ich jetzt freudianisiere, könnte ich hineininterpretieren, dass er vernunftmäßig zwar hinter den Zitat steht, dass es ihm aber gefühlsmäßig viel lieber wäre, wenn die Liebe die Kunst wäre - also über der Ehe stünde.

Insgesamt denke ich, liege ich mit meinen Interpretationen gar nicht so falsch, jedenfalls was die unmittelbaren Angaben betrifft - Tante Lydia, die Geisteshaltung des Schreibers. Anderes liegt natürlich im Dunkeln, was nun genau mit dem ältesten Sohn und Onkel Fritz war, was die 62 Jahre gemeinsamen Marschierens gebracht haben und welche Kriegserlebnisse es gab.

Ich denke, es handelte sich um einen gebildeten Mann. Die Sätze sind gut ausformuliert, die Schrift ist markant und gleichförmig.

Paar kleine Fehler tauchen auf:

Ich habe Euch von von Lydias schreiben alles gesandt,
in dem sie wissen wollte wegen schlafen, Unruhe
etc. und auch eine Abschrift meines Briefes.

„Schreiben“ und „Schlafen“ müsste groß geschrieben werden.

großen Jungen usw. usw., an dieser Stelle
möchten wir Euch sagen, herzlich bitten und
Euch ans Herz legen, Ihr seid nun schon

Nach diesem doppelten "usw." müsste nun wirklich ein neuer Satz, besser ein neuer Abschnitt beginnen.

Das Gedicht über Gesundheit und Geld ist doch was sehr holprig.

Diese nackte Wahrheit und der 
Reim stammt von mir.

Sollte heißen: „stammen von mir.“

Ich denke, ein Lehrer war der Schreiber nicht. Vielleicht sonstiger Beamter. Eher nicht religiös, das wäre sicher bei der Moral mit angeklungen. Nicht das Schicksal würde segnen, sondern Gott.

Schade, dass ich nur dieses erste Blatt gefunden hatte. Es lag da irgendwo am Zaun herum, als ich hin und her spazierte, weil ich warten musste, bis ich mit meinem Gartenabfall an der Reihe war. Mir stach diese auffällig geschwungene Schrift ins Auge.

Gleichzeitig fand ich eine einzelne Seite aus einem Reiseführer, einem Ort in Süddeutschland, den ich nicht kenne. Darüber will ich mich noch etwas genauer informieren.

Jedenfalls kam mir recht schnell in den Sinn, dass ich mir eine Geschichte ausdenken könnte, die eben genau in diesem Brief gipfelt. Der Ort auf dem Reiseführerblatt könnte darin ebenfalls eine Rolle spielen.

Habe aber in der Gesa den Brief ein wenig weiter untersucht:

Ja, bei der Anrede handelt es sich um „liebes“ vor dem 2. Namen. Denn bei einem „nochmals“ ist das „s“ genauso geschrieben, mit einem zusätzlichen Häkchen. Mit solchen Schnörkeln geht der Schreibe ja großzügig um. „r“ und „s“ sind somit eindeutig zu unterscheiden. Doch der Name?

Der Name ist „Evchen“ - ergibt sich aus dem Vergleich mit „Euch“ und „vor“. Das „v“ in „vor“ hat auch einen deutlichen Aufstrich, aber „v“ mitten in einem Wort kommt nicht mehr vor, so dass ein exakter Vergleich nicht möglich ist.

An Namen haben wir also Jochen, Eva, Fritz und Lydia. Ob sich aus dieser Konstellation auf die Personen schließen ließe? Mit einer Art Rasterfahndung?


Für den Ortsnamen glaube ich, jetzt Halle S. (Saale) herausgefunden zu haben. Das „H“ stimmt nicht ganz mit dem „H“ des ersten Wortes „Habe“ überein. Auch bei „Herz“ sieht der erste Buchstabe anders aus. Der letzte Buchstabe ist jedoch eindeutig ein großes „S“ mit einem Punkt dahinter.

Kann ja sein, dass sich die Eine oder der Andere von diesem alten Brief ebenso angesprochen fühlt wie ich. Vielleicht helft Ihr mir, dazu eine Geschichte zu spinnen.

War der Mann Soldat? Offizier? Das "Marschieren" mit seiner Frau könnte darauf hindeuten. Was soll die extreme Betonung des Vertrauens? Konnte Fritz seiner Lydia nicht vertrauen - oder umgekehrt? Haut man deshalb ab, weil man nicht vertraut?

Ich merke, wenn ich über den Text sinniere, kommen mir Gedanken, fast wie von alleine.

Nun aber hat Trude angerufen. Sie hat ihren Spätdienst beendet, wir treffen uns gleich beim Mikkel.

Dienstag, 16. Juni 2015

Produktiver Nachtdienst

Dienstag, 16. Juni 2015

Gestern Nachtdienst in Spandau. Es war recht ruhig, ich konnte den Rest der Flickr-Alben zum Berliner Stadtschloss fertig stellen, außerdem einiges Lesen. Bin immer noch an Steffen Möller, "Viva Polonia". Diese verrückte automatische Textkorrektur macht andauernd "Pooling" aus "Polonia". Man muss sich das Hirn nach Tricks zermartern, das auszutricksen. Der Möller gestaltet sich was zäh, reiht irgendwie seine polnischen Erlebnisse und Ansichten zusammenhanglos aneinander. Habe auch nicht das Gefühl, dass er mir die polnische Seele wesentlich näher bringt.
  Hatte in der  Nacht fünf Einsätze. Dabei muss ich an dem riesigen Gebäude entlang vom Pförtnerhäuschen, in dem mein Ruheraum untergebracht ist, bis ans andere Ende zur Wache laufen. Letzten Sommer hatte ich dort wiederholt Nachtigallen gehört, oft drei oder vier. Dies sangen diesmal nicht, die Nacht war vielleicht zu kalt für sie zum tirlieren.
  Dafür traf ich auf einen Fuchs, ein Füchslein (aus Füchslein wird Füchsin) eigentlich. Wenn ich die Wache verlasse, muss ich durch ein vergittertes Areal, in das die Fahrzeuge einfahren, die einen Gefangenen bringen. Das ist immer verschlossen, damit der Delinquent nicht abhauen kann. Ein Beamter muss mir demnach aufschließen, auch wenn ich komme. Draußen ist eine Klingel.
  Als er mich nach der ersten Blutentnahme rausbrachte, saß der kleine Fuchs am Gitter. Das ist so breit, dass er leicht hindurchpasst. Er sah mich erwartungsvoll an, ging aber in Deckung, als ich mich näherte. Weiter als drei Meter war er aber nicht von mir entfernt. Ich fragte erstaunt, ob das Tier öfter hier sei, und der Beamte meinte, der käme jeden Tag. Es kam noch eine Beamtin hinzu, die sagte, manchmal wären sie auch zu zweit.
  Als ich gegen Mitternacht nochmals anrücken musste, sah ich den Fuchs schon von Weitem. Er hatte mich auch schon erspäht und verfolgte mein Kommen aufmerksam. Wich kaum zurück, als ich die Absperrung betrat.
  Nach der Blutentnahme hatte ich etwas Zeit, weil mein nächster Fall noch warten musste. Ich ging wieder raus. Der Fuchs war noch da. Ein Beamter warf ihm etwas Käse zu und sagte, von einigen Kollegen würde er auch aus der Hand fressen. Vor mir sei er jetzt scheu, weil er mich nicht kenne. Er sei wahrscheinlich auf das Blau der Uniformen fixiert.
  Es kämen wären auch schon andere Tiere vorbeigekommen, so Wildschweine, Waschbären und einmal sogar ein Reh. Das käme von dem nahe gelegenen Schanzenwald. Die Tiere hätten eben nicht mehr ihre natürliche Scheu.
  Der Fuchs war wohl ein Jugendlicher, ziemlich schmal, hatte aber glattes Fell. Ein schönes Tier. Den Käse gönne ich ihm, der Impuls war auch bei mir schnall da, das Tierchen zu versorgen. Nur ist es wahrscheinlich wenig sinnvoll, solche Wildtiere zu domestizieren.

 Wen's interessiert noch meine Einsätze:
 Ein Zweimetermann mit Rückenproblemen, Anfang 40, wirkte sehr differenziert. Auf Nachfrage: Verhaftet wegen Wirtschaftskriminalität. Konnte mit Schmerzmitteln bleiben. Schien mir dankbar für die Hilfe.
  Ein Mann Mitte 50, sehr merkwürdiges Verhalten, verwahrlost, trug nur einen Socken, wirkte benommen. Vitalwerte alle in Ordnung, eigentlich verwahrfähig. Er kam mir so merkwürdig vor, dass ich ihn nach einigen Minuten nochmals befragte. Er gab dann unumwunden zu, dass er eine Schizophrenie habe in Betreuung seit. Solche Leute tun mir eigentlich automatisch Leid, weil diese Psychose mit das übelste ist, was einem Menschen im Leben widerfahren kann. Rücksprache mit dem SpD (Sozialpsychiatrischer Dienst): Sie kannten ihn und übernahmen ihn in ihre Obhut - brauchte also nicht in der Zelle zu bleiben.
  Zwei Männer im Entzug, ein russischer Boxer auf Heroin ohne Deutschkenntnisse. Ein Beamter konnte zum Glück übersetzen. Ein Afrikaner, der nur Französisch sprach ohne festen Wohnsitz (ofW) im Alkoholentzug. Beide nicht so schlimm, konnten mit Tabletten bleiben.
  Es kam noch ein dunkelhäutiger Mann zur Blutentnahme. Konsumiert Gras und Kokain. Er sprach 1A Deutsch. Er unterstellte mir sofort Rassismus, als ich mir erlaubte, mich nach seinen Wurzeln zu erkundigen. Es kam zu einer kleinen Debatte, auch mit den Beamten, wieso mitmenschliches Interesse gleich so negativ ausgelegt wird. Als hätte mich in meinen Fernreisen nie jemand gefragt, woher ich käme. Es interessiert mich einfach, was die Leute oder ihre Eltern nach Deutschland verschlägt, und ich finde es albern, so zu tun, als falle mir fremdes Aussehen nicht auf. Ich sehe in den Zuwanderern grundsätzlich eine Bereicherung. Im Laufe des Gesprächs schien er mir diese Haltung abzunehmen.
  Denke aber, in Zukunft halte ich die Klappe. So wichtig ist mir das auch nicht.

Und damit auch dieser Post nicht ohne Bild bleibt: Am Samstag war ich zu einer Fortbildung für Unterricht in Altenpflegeschulen. Es gab viele interessante Gesichtspunkte. Die Veranstaltung fand im Diakonie-Verein Zehlendorf statt. Die haben sehr schöne Gebäude und einen idyllischen Park.